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Sehr geehrte Frau Dr. med. xyxyxyx,
das unerfreuliche Zusammentreffen nebst dem damit verbundenen unwiderbringlichen Zeitverlust hätten Sie sich und mir ersparen können, wenn Sie sich deutlicher ausgedrückt hätten. Erst im Nachhinein wurde mir bewußt, dass Sie mit der Metapher “fundierte Information” offenbar ein Honorar in klingender Münze meinten. Hätten Sie klar gesagt, was Sie wollten, wäre es mir ein Vergnügen gewesen, mit Ihnen mein bescheidenes Interviewerhonorar in Höhe von 20 € schwesterlich zu teilen, denn geben ist seliger als nehmen. Bedauerlicherweise ist nämlich für diese Art Studien kein Befragtenhonorar vorgesehen.
Auch sollten Sie bei ähnlichen Anlässen in Zukunft bereits beim ersten Kontakt sagen, dass Sie Ärztin sind. Erfahrene Interviewer wissen dann gleich Bescheid: Ärzte sind nun einmal häufig Jünger des Gottes Mammon, sicher nicht nur nach der persönlichen Neigung, sondern auch bedingt durch das, was man in diesem unserem Lande allgemein “Gesundheitspolitik” nennt. Eindeutige Information Ihrerseits über die Bedingungen, zu denen Sie bereit sind, ein Interview zu geben, ist hilfreich. Sie ersparen damit den Kollegen den Verlust von verfügbarer Arbeitszeit, dem einzigen Betriebskapital, das man in dieser Funktion hat.
Interviewer in der Markt- und Meinungsforschung sind stets auf Erfolgshonorarbasis tätig.
Sie sehen, ich habe volles Verständnis für Ihre Situation. Allerdings erinnere ich mich an einen Ihrer Berufskollegen nur mit Grausen, der angetan mit einem Nerzmantel seine Visite machte, nachdem er seinen Porsche gut sichtbar für seine von den unvermeidlichen Nebenwirkungen gebeutelten Patienten vor den Fenstern der Behandlungsunit parkte.
In der Hoffnung, Ihre professionellen Dienste nie in Anspruch nehmen zu müssen, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Petra Bergermann, Interviewerin
Als Interviewerin vergesse ich die weniger eindrucksvollen Gesprächspartner recht bald und das ist gut so,denn ich wünsche ja keinesfalls in deren Leben irgendwie einzugreifen. Ich bin ein zufälliger und vorüber gehender Gast, mehr nicht. Wenn ich mich an jemand länger erinnere, muss schon eine besondere Saite in meinem Gehirn angeschlagen werden.
Ein Meinungsforschungsinstitut (ich glaube, es war Rheingold) veröffentlichte vor einiger Zeit eine Presseinformation über die, tiefenpsychologisch gesehen, infantile Haltung von Akademikern. Sie nehmen ihre Verantwortung und ihren Gestaltungsspielraum in der Gesellschaft nicht wahr, finden hier bei uns alles Bäh-Bäh und würden am liebsten auswandern.
Das las ich, vergaß es und wurde bei einem Interview mit einem solchen Modell-Akademiker konfrontiert. Architekt, trotz Flaute wohl ganz gut beschäftigt und somit nicht arm, erzählt bei jeder Frage wahre Dramen, wie schlecht hier doch alles sei. Und überhaupt mache er ja nie Interviews, aber ich hätte ihn halt überredet. Das alles zieht das Interview arg in die Länge und ich habe große Mühe, ihm die Antworten auf die Fragen so zu entlocken, dass seine Stimmung nicht in Aggression umschlägt. Ein typischer Akademiker eben, der neugierig ist, was das mit dem Interview auf sich hat und welche Fragen da wohl kommen, der sich aber eher die Zunge abbeisst als zuzugeben, dass er neugierig ist und sich zugleich geschmeichelt fühlt, unter den vielleicht 1000 auserwählten Bundesbürgern zu sein, die man befragt. Das kann ja nur heissen, dass er wichtig ist, logisch!
Insbesondere die vielen Vorschriften, die es hier gibt, sind ihm ein Graus; man könne sich ja nicht mehr rühren. Bevor man hier in Deutschland etwas tun dürfe, brauche man dicke Gutachten. Etwa so wie dieses hier – und weist auf einen Papierpacken von 10 cm Dicke, der sich als Gutachten eines Statikers für ein individuell geplantes Wohnhaus entpuppt. Dieses Haus hatte nicht nur rechte Winkel und mir leuchtete auf den ersten Blick ein, das so etwas Exclusives, das auch ein hübsches Archtektenhonorar abwirft, wohl dringend vom Statiker bewertet werden muss. Aber ich bin ja Laie. Er jammert weiter und sagt,dass er am liebsten nach Skandinavien auswandern würde. Hier geht ja nichts voran….
Ich erlaubte mir -off topics- den Hinweis, dass ein solches Gutachten, wenn es denn von der Bad Reichenhaller Eishalle vorgelegen hätte, das Leben von 15 Menschen erhalten hätte. Und dass ja die vielen Abgaben und Steuern, die wir zahlen, zum Erhalt unserer Infrastruktur beitrügen. Aber er wollte weiter seinen Frust diskutieren. Ich hatte Mühe, da wieder hinaus zu finden, für meinen nächsten Termin, an den ich mich aber nicht mehr erinnere.
Schlag nach bei Shakespeare, König Lear:
ich besuchte neulich schwer leidende Menschen, unter anderem in Altenpflegeheimen. Da gab es etliche Menschen, die es geschafft hatten, auch in dieser letzten irdischen Wohnung ihre Persönlichkeit einzubringen und für sich selbst ein harmonisches Ambiente, oft mit sehr wenigen Mitteln, zu gestalten. Wenn es einem schon von innen her schlecht geht, hilft ein Zimmer mit den gewohnten persönlichen Möbeln, ein paar Büchern und einem Blumensträußchen auf dem Tisch, neben ein paar Bildern von Kindern und Enkeln, wenigsten die unmittelbare Aussenwelt hübsch zu machen. Das läßt Schmerzen und Ungemach leichter ertragen. Bei einigen Besuchen konnte man auch sehen, dass wohl die Hand von Kindern und Enkeln bei der Verschönerung des Zimmers mit gewirkt hatten.
Ein Zimmer, in dem eine besonders schwer kranke Person lebte, ein rechtes Häuflein Elend, machte einen ganz scheuslichen, schmucklosen Eindruck, es hatte den Charme einer Besenkammer: keine Blumen, kein Bild, nichts Persönliches, nur Medizinschachteln und Aschenbecher, denn die Bewohnerin, gezeichnet von bösartiger Erkrankung, war eine sehr starke Raucherin. Von liebevoller Fürsorge durch Kinder oder Enkel gab es keine Spuren. Die Pflegekräfte können ja nicht alles leisten, was wünschenswert ist, ich denke, das sie mit dem Notwendigen und Nützlichen schon ausgelastet sind.
Wir plauderten ein wenig, die alte Dame war sehr freundlich und voll im Besitz ihrer geistigen Kräfte. Sie gab mir gern die gewünschten Informationen über irgend ein medizinisches Thema. Ich hinterliess ihr, wie üblich, meine Visitenkarte und eine Geschenkpackung mit irgendwelchen Kosmetika, über die sich sich offenbar freute.
Tags drauf erhielt ich eine höchst zornige Email, offensichtlich von der Tochter meiner Gesprächspartnerin: was ich dort gewollt hätte, wie ich dazu komme der Mutter ein Geschenk zu hinterlassen, das würde ja niemand ohne Gegenleistung tun. Und wehe, wenn ich etwa der Mutter eine Unterschrift für irgendein Geschäft abgeluchst hätte, dann würde sie mich anzeigen.
Es stört mich nicht, wenn jemand wegen eines Interviews nachfragt, dafür hinterlasse ich ja meine Karte, aber was mich stört, ist der Ton dieser Email, der mehr davon kündet, dass sie sich um irgendwelche finanzielle Folgekosten sorgt, als sich für die Mutter freut, dass sie ein nettes Geschenk erhielt. Sollte nämlich die Mutter unter Betreuung stehen, wäre ein eventueller Vertrag sowieso ungültig. Wäre die Mutter nicht entmündigt, hätte die Tochter zunächst einmal den Willen der Mutter zu respektieren. Abgesehn davon verkaufe ich nichts, wenn ich in Sachen Interviews tätig bin, das verbieten Gesetze und Berufsregeln der Markt- und Meinungsforschung.
Superhirn
Ein Mann mit einem IQ, der gegen Unendlich ging. Eigentlich sollte ich ihn befragen, aber es war offensichtlich, dass er für das gegebene Befragungsthema fast kein Interesse hatte. Er war freundlich, aber sobald er meine Worte und mich „gescannt“ hatte und feststellte, dass die Frage keine Antwort von ihm erforderte bzw. wert wäre, schaltete er seine Aufmerksamkeit für mich ab, ohne dabei emotional engagiert zu sein. Keine Aggression, kein Ärger, er wandte sich mir einfach nicht mehr zu, sondern bearbeitete mit seinem Superhirn ganz offensichlich irgend ein anderes Problem. Sein Blick ging schlicht in die Ferne. Glücklicherweise sprach seine Frau mit mir, die wohl auch sonst für ihn Mund und Hand bereitstellte, während er geistig in höheren Sphären schwebte. Im Verlauf des Gespräches mit der Frau merkte ich immer wieder, dass der Mann kurz prüfte, ob da etwas für ihn Interessantes besprochen wurde, und dann wieder etwas anderes dachte. Er arbeitete ganz offensichtlich an einem komplizierten Problem. Die Frau und Mutter seiner Kinder schien mir auch ihn zu betreuen, wie eines ihrer Kinder, mit Liebe zu seiner Person und großem Respekt vor seiner sehr speziellen Begabung. Wir sprachen teilweise über ihn, als wäre er gar nicht da und er machte gelegentlich eine Bemerkung, als wenn er nur kurz vorbeikäme und gleich wieder wegginge. Physisch war er ständig da, geistig ging er immer wieder fort. Seine übergroße Denkfähigkeit nutzte er zum Broterwerb für seine Familie, indem er an einem großen Industrieprojekt mitwirkte. Seine Aufgabe war es, viele verschiedene Arbeitsgruppen zu koordinieren und den Informationsaustausch zwischen diesen Gruppen aufrecht zu erhalten.
Engstirnige Leute
In einem großen Elektroladen sprach mich ein offensichtlich aus Indien kommender Student an, warum denn bei einem bestimmten Elektrogerät aus deutscher Produktion keine Benutzeranleitung in englischer Sprache mitgeliefert wurde. Das wäre doch eine Selbstverständlichkeit, in Indien wäre so etwas bei allen Geräten üblich. Und wenn wir Inder hierher holen, dann müten wir es ihnen auch beim Einkauf von Elektrogeräten genauso komfortabel machen, wie er es in Indien hätte.
Ich beauftragte eine Schülerin (Leistungskurs Englisch) mit einer Übersetzungsarbeit. Als sie mir den fertigen Text brachte, erzählte sie mir erst einmal ausführlich, welche Wörterbücher sie benutzt hätte und welche Vorzüge und Nachteile die verschiedenen Bücher hätten und dass ich dieses und jenes unbedingt kaufen müsse. Dabei legte sie literarische Maßstäbe an, während es sich bei der Übersetzung um einen technischen Text handelte, der auch im Deutschen naturgemäß von sehr einfacher Wortwahl und Struktur war. Ich musste eine ganze Weile warten, bis sie mir zu der eigentlichen Übersetzungsarbeit einige Erläuterungen gab. Sie war auf Literatur geeicht und nicht auf Gebrauchstexte. Die Übersetzung war aber in Ordnung, da hatte sie sich gegenüber meiner deutschen Fassung keine Freiheiten genommen.
Ein Buchhalter bei einem Kunden versuchte mir klar zu machen, dass es nur eine, nämlich seine, Art gäbe, meine Ausgangsrechnungen zu numerieren. Dass er für hunderte von Rechnungen ein Ordnungsschema hatte, das für meine maximal zwanzig Rechnungen im Monat gar nicht passte, war für ihn unverständlich.
Ein Junger Mann von 90 Jahren
Telefonische Terminvereinbarung bei einem alten Herrn, ich bereite mich geistig auf ein langes und eher mühsames Gespräch vor. Mein Gesprächspartner kündigt mir jedenfalls an, das er Zeit für mich haben würde. Die normale Interviewdauer für dieses Projekt ist 45 Minuten. Ich erscheine zum Termin, ein schlanker und hellwacher Herr öffnet, dessen Alter man nur an dem Falten im Gesucht erahnen kann. Er eröffnet mir, dass er wieder Erwarten wenig Zeit für mich hätte, da er eine Vernissage wahr zu nehmen habe, bei der ein künstlerisches Werk von seiner Hand präsentiert würde. Ich solle mich bei der Befragung bitte auf das Nötigste aus meinem Fragebogen beschränken, das Übrige könne mir seine Sekretärin morgen telefonisch sagen. Bei den statistischen Fragen nach dem Lebensalter nannte er „92 Jahre“ und er sei erst seit einem halben Jahr Rentner. Er hatte sein Unternehmen verkauft und seine Sekretärin war mit der Abwicklung der Geschäfte betraut. Von Greisenhaftigkeit keine Spur, dieser bemerkenswerte Mensch stand mit beiden Beinen unentwegt fest im Leben und telefonierte mehrfach während unseres Gespräches, ohne den Faden zu verlieren.
Grossstädter
In einer kurzen Wohnstrasse in Nürnberg mit Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit, nahe an einem Industriegebiet, hatte ich eine „Random Route Rekrutierung“ zu machen, sprich, ich mußte an allen Türen klingeln, um Gesprächspartner zu finden. Auf etwa 100 m Straßenlänge lebten dort einträchtig nebeneinander wohlhabende Freiberufler, Künstler, Sozialhilfeempfänger, Beamte und Angestellte, Inländer und Ausländer. Alle Leute, die ich antraf, gaben freundlich Auskunft, es wäre schön, wenn die Menschen immer und überall so aufgeschlossen wären, wie in diesem Klein-Europa neben dem Strassenbahndepot..
Bei einer mehrtägigen Kundenbefragung im Getränkemarkt zeigte sich mir das Doppelgesicht des Staates als Jugendschützer und als steuergieriger Dealer (gemeinsam mit dem Einzelhandel) überdeutlich. Im Laden hingen gut sichtbar Bekanntmachungen über das Jugendschutzgesetz aber die anfallenden Umsätze und steuerlichen Erträge aus Verkäufen an offensichtlich Süchtige nehmen der Getränkemarkt und der Fiskus einträchtig gern entgegen.
Junge Leute , die gerade den 18. Geburtstag hinter sich hatten und auch Ältere waren dort Stammkunden, die offensichtlich nichts besassen außer ihrer Sucht. Sie kauften für sich und für ihre oftmals jüngeren Trinkgenossen in ihrer Begleitung jeden Tag mehrmals Alkoholika in kleinen Mengen, die sie gleich um die Ecke an der Hauswand des Getränkemarktes stehend konsumierten. Da waren alle Altersgruppen von 14 bis 70 Jahren vertreten. Sie standen dort den ganzen Tag und waren für alle Autofahrer sichtbar, die auf den riesigen Supermarkt-Parkplatz fuhren. Sicher waren auch verantwortungsbewußte Lokalpolitiker und Sozialarbeiter darunter.
Im Geschäft behandelten die Mitarbeiter sie freundlich, so wie alle anderen Kunden, aber auch ohne Mitleid und ohne Bedauern. In Gaststätten darf man darauf hoffen, dass der Wirt irgendwann dem volltrunkenen Gast kein Getränk mehr verkauft. Hier war selbstverständlich auch bekannt, dass es sich um schwere Trinker und Alkoholkranke handelte, denen man gar nichts mehr verkaufen dürfte, aber daran störte sich niemand. „Solange sie bezahlen, verkaufen wir ihnen, was sie haben wollen.“ Alle, von der Kassiererin bis hin zum Management schauen auf die Verkaufs- und Umsatzzahlen, niemand auf die Menschen, denen man das Geld aus der Tasche zieht.
Wie die Trinker ihre Sucht finanzierten, ist mir nicht klar geworden, sie hatten aber so wenig Geld, dass sie immer nur einzelne Flaschen Bier und Biermischgetränke kaufen konnten. Gerade die Biermixer sind wohl für Jugendliche der Einstieg in den dauerhaften Bierkonsum und der Einzelverkauf bringt den größeren Umsatz als der Verkauf in Sixpacks oder Kästen. Die Werbung für diesen flüssigen Dreck in Flaschen scheint jedenfalls sehr effektiv zu sein.
Lebenslanges Leiden, das man ihnen deutlich ansieht, und ein kurzes Leben sind das Schicksal dieser armen Kerle, um die sich niemand kümmert und die nur als Umsatzbringer ausgenutzt werden.
Ich sitze mit einer Interviewpartnerin in deren Küche. Es erscheint der Haustyrann im Unterhemd, ein großer, vierschrötiger Mann mit gewalttätiger Ausstrahlung. Er sieht mich, sieht seine Frau drohend an und winkt mit Blicken, dass Sie mich hinaus schicken solle. Er sprach kein einziges Wort. Die zarte und schüchterne Frau versucht ein wenig Widerstand und unternimmt nichts. Ich tue auch nichts, denn ich fühle mich „aussen vor“. Das war eine Sache zwischen den Eheleuten, die das Spiel „Beherrschung und Unterwerfung“ spielen und ich bin nicht sein Gast, sondern Gast der Frau. Nach wenigen Minuten erscheint er wieder und herrscht seine Frau an: „wird’s bald?“ Jetzt unterwirft sie sich und ich gehe. Er wird seine Frau anschließend verprügelt haben, aber das hätte er sowieso getan, ihm war wohl gerade danach, den Macho herauszukehren.
An einer geschlossenen Wohnungstür kann man gelegentlich eine ganze Tragödie erleben. Ich klingele, eine Person kommt leichtfüssig zur Tür getrippelt und schaut durch den Spion. Ich winke. Eine Frauenstimme ruft in heiterem Ton etwas in die Wohnung, ein kleines Kind kommt herbei, wahrscheinlich handelt es sich um eine junge Mutter mit ihrem Kind. Als Antwort ertönt brüllend eine gewalttätig drohende, bösartige Männerstimme. Die junge Frau wagt zaghafte Widerworte, das Gebrüll wird noch lauter und bösartiger. Ich ziehe mich zurück.
Eines der beiden Prachtexemplare der Gattung „Ehemann“ war ein -Deutscher, der andere ein Türke.
Eine Variante davon ist der eifersüchtige oder auch neugierige Ehepartner, der oder die es nicht vertragen kann, dass das zugehörige Ehegespons sich mit irgend etwas anderem als seiner/ihrer hoch wichtigen und edlen Person zu beschäftigen. So jemand kommt während des Interviews ständig herein oder bleibt sogar anwesend und stört durch Einwürfe permanent das Gespräch. Wenn Fragen zu stellen sind, deren Antwort heikel werden könnte, kann man die Frage und die Antwortmöglichkeiten lesen lassen und nach der Nummer der gewünschten Antwort fragen, weil man ja gerade heftig husten muss. Man kann auch versuchen, den unerwünschten Kiebitz anderweitig zu beschäftigen, in dem man zB irgendwelche Texte zu lesen gibt. Die letzte Möglichkeit ist es, das Interview vorzeitig abzubrechen und für den Rest einen besseren, hoffentlich ungestörten Termin zu vereinbaren.
Bei manchen Menschen fragt man sich, wie sie mit ihrer Arbeitsweise imstande sind, erfolgreich ihr Brot zu verdienen: ein Rechtsanwalt, der in seinem Büro viele Aktenstapel lagert, auf allen Flächen, die halbwegs waagerecht sind und mindestens DIN-A4-Format haben: Fensterbank, Heizung, Schreibtisch, Regale. Ein anderer, der auf seinem Schreibtisch völlig ungeordnete Papiermassen hortet und das erste Papier, das ich sehe, ist eine Mahnung seiner Kammer. Er solle endlich die Prämie für seine Berufshaftpflicht zahlen, damit er nicht seine Zulassung verliert. Oder ein Steuerberater, der bei der Beantwortung von banalen Fragen so sorgfältig vorgeht wie ein Alttestamentler bei der Bibelforschung: er wägt jedes Wort und fragt nach völlig abseitigen Bedeutungsvarianten von Worten und Formulierungen. Statt einer halben Stunde dauert das Interview anderthalbe. Der Interviewer kalkuliert inzwischen, ob es nicht wirtschaftlicher ist, das Interview abzubrechen und einen anderen Termin bei einem anderen Probanden zu machen.
Höchst ärgerlich sind Ärzte, die Interviewer gern benutzen, um ihr unterentwickeltes Ego aufzupolieren: sie machen Termine für honorierte Interviews (was OK ist), lassen den Interviewer eine Stunde warten (O, was bin ich wichtig und viel beschäftigt, das soll dieser Interviewer mal gleich sehen!) und führen sich dann wie folgt auf: Was, ich soll einen Termin gegeben haben? So etwas mache ich nie, das habe ich gar nicht nötig! Und wirft den Interviewer hinaus, den Bösewicht! Eine sehr originelle Variante dieses Spiels für Erwachsene ist „Sie sind Interviewer? Ich gebe nur Verkäufern einen Termin! Verlassen Sie sofort meine Praxis!“ Das heisst im Klartext: Die paar Kröten Honorar für ein Interview sind mir zu wenig, ich will das Schmiergeld, das nur ein Verkäufer mir geben kann! Den umgekehrten Fall gibt es auch: „Ich gebe Verkäufern nie einen Termin, nur Interviewern, aber Ihr Honorarangebot ist mir zu niedrig!“
Interviews für Umfragen sind meist auch für den Befragten aufschlussreich, denn er wird durch die Fragen veranlasst, sich mit den verschiedensten Gegenständen gründlich und auf bisher für ihn ungewohnte Art zu befassen. Natürlich ist der Erkenntnisgewinn für den Befragten unterschiedlich groß, aber manchmal verändert ein Interview dessen Lebensweg. Neulich wurde ich Zeuge, wie ein Mann in seinen Gedanken zum Vater wurde. Anlass war eine Umfrage zum Thema Kinderwunsch, die nach den Bedingungen und Umständen fragte, die erfüllt sein sollten, damit sich jemand ein Kind „leisten“ kann. Er hatte bisher wohl einigermaßen planlos dahin gelebt, sich ein hübsches Haus gebaut und eingerichtet und eine liebenswürdige und liebenswerte Frau geheiratet.
Während des Interviews wurde ihm klar, dass gerade jetzt alle Voraussetzungen geschaffen und erreicht waren, die es erlaubten, in Ruhe und relativem Wohlstand seinen und seiner jungen Frau Wunsch nach Kindern zu verwirklichen. Ich verkniff mir jeden Kommentar, aber ich konnte deutlich sehen, was er dachte. Er und seine Frau waren erwachsen genug, Eltern zu werden und sie hatten das Nest für Kinder bereitet. Sollte ich ihn noch einmal sehen, wird er sicher ein Familienvater sein.
Ich bin Interviewerin in der Markt- und Meinungsforschung und bekomme meine Aufträge von Befragungsfirmen und Feldservice-Unternehmen. Sie enthalten genaue Vorgaben, welche Art von Gesprächspartner bis zu welchem Datum auf welche Weise anhand eines Fragebogens zu befragen sind. Ich suche dann die Gesprächspartner, überzeuge sie davon, dass es sinnvoll ist, mir einen Termin für ein Interview zu geben und führe es durch.
Als selbstständige Person entscheide ich selbst über Kunden, Aufträge, deren Abwicklung, die Qualität, die ich liefere, und meine interne Organisation. Ich werde auf Erfolgsbasis bezahlt und trage das normale unternehmerische Risiko. Meine Arbeitszeit teile ich nach meinen Wünschen und Gegebenheiten ein und genieße die damit verbundene Freiheit. Die Kehrseite der Medaille: Die Vergütung ist meist branchenüblich mäßig, denn »Interviewer« ist kein anerkannter Beruf. Gelegentlich merke ich erst im Laufe der Bearbeitung eines Auftrages, dass sie schlecht ist, und werde für solche Kunden danach nicht mehr tätig.
Meine Kunden sind große Befragungsunternehmen genauso, wie kleinere, auf bestimmte Aufgabenfelder spezialisierte. Im Jahre 2009 habe ich für ungefähr 20 verschiedene Kunden Aufträge erledigt. Darunter waren ganztägige Einsätze mit Reisen im ganzen Land, einige Großprojekte wie Mobilitätsstudien und Mietspiegel mit häufigen Reisen in andere Städte, telefonische Interviews von meinem Büro aus und Testkäufe. Es handelt sich u. a. um sozialwissenschaftliche Studien, Befragungen von Ärzten und Patienten, Kundenbefragungen in Baumärkten oder Befragungen von Lesern bestimmter Zeitschriften. Ungewöhnliche Aufträge gibt es auch: Einem Handwerker bei der Arbeit zuschauen und mit der Stoppuhr die Laufzeiten eines bestimmten elektrischen Werkzeuges messen oder das Verhalten von Menschen beim Öffnen einer Tafel Schokolade protokollieren.
Ich schreibe an einer Interviewer-Fibel, denn es gibt kein Lehrbuch für Interviewer in deutscher Sprache und sammle ständig Material dafür. Ein anderes Buch »Kleiner Fisch, ein Kopfkissenbuch vom Leben in der Wirtschaft aus der Sicht einer Kleinstunternehmerin« habe ich im Selbstverlag veröffentlicht.Ich würde gern gute Interviewer ausbilden, aber dafür scheint kein Markt vorhanden zu sein. »Interviews machen kann jeder!« Das mag sein, jedoch stets zuverlässig gute Interviews machen, das kann eben ohne gute Ausbildung nicht jeder!
Seit dem Jahr 2000 bin ich überwiegend als Interviewer für Markt- und Meinungsforschungsunternehmen tätig.
Ich tue diese Arbeit hauptberuflich und habe keine Probleme damit, auf die unterschiedlichste Art und Weise Gesprächspartner zu rekrutieren. An der Haustür, per Telefon, auf dem Kinderspielplatz oder auf dem Parkplatz des Supermarktes suche ich meine Gesprächspartner. Pro Woche kann ich bis zu 20-25 Interviews durchführen.
Interviews führe ich überall: in der Wohnung oder im Büro, auf der Werkbank, auf der Haustreppe sitzend, im Garten oder auch mit dem Fragebogen auf der Mülltonne als Schreibtisch, solange es nicht regnet.
Meine Vorbildung als Krankenschwester hilft mir bei Interviews mit Medizinern und Apothekern, meine unternehmerische Erfahrung erleichtert mir Gespräche mit Unternehmern und Selbstständigen aller Art, vom Vorstandsvorsitzenden einer AG bis zum biederen Maurermeister oder Hopfenbauer.
zu MAFO-Interviewer
Guten Tag!
Ich begrüße Sie auf der ersten Website/Blog, die sich mit der Tätigkeit des Interviewers in der Markt und Meinungsforschung befasst.
Sie finden hier Berichte über meine alltägliche Arbeit als Interviewer und Teile der »Interviewer-Fibel«, an der ich gegenwärtig arbeite, zur Diskussion.
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